Furtwängler, die erste...

Der Fall Furtwängler, Regie: Sabine Körner

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Eine heute 96-Jährige wird der Beihilfe zum Mord in 11.387 Fällen angeklagt, sie war zwischen 1943 und 1945 in der Lagerkommandantur des KZ Sutthof eingesetzt. Nur wenige Tage nach Prozessbeginn spielt das Amateurtheater Thalia in der Marschnerstraße „Der Fall Furtwängler“ – aktueller kann Zeitbezug nicht sein.

Mit diesem Stück haben sich die Amateure der Volksbühne Thalia an harten Tobak gewagt. Es geht um die Frage nach Schuld, die Suche nach Gerechtigkeit, um Hoffnung, Aufarbeitung der Vergangenheit und die Zukunft.
Der Erfolg verwöhnte alte Dirigent, der vom Kriegseinsatz verschont wurde, weil er auf der „Gottbegnadeten-Liste“ als einer der drei wichtigsten Musiker stand, muss dem jungen, hitzigen, von erschütternden Bildern aus dem KZ gejagten, amerikanischen Offizier Rede und Antwort stehen. Beide Männer suchen Unterstützung in ihrer Umgebung: der Dirigent hatte Juden zur Flucht verholfen und hofft auf deren Zeugnisse, der Offizier will seinen jüdischen Verbindungsoffizier, der seine Eltern verloren hat, auf seiner Seite sehen. Doch das Leben ist nicht schwarz/weiß, Entscheidungen sind oft nicht klar zu verstehen, schon gar nicht im Nachhinein.

Major Steve Arnold zeigt seine innere Zerrissenheit und seine Suche nach dem Grund, diesen Drang nach Wahrheit und Vergeltung besonders in den kleinen Gesten (und entlockt den Zuschauern auch mal ein Schmunzeln, wenn er mit dem Kaugummi spielt). Jakob Schneider spielt diesen Major mit Tiefgang, Elan und Leidenschaft und trifft dabei auch auf dem schmalen Grad zwischen Verzweiflung und getriebener Pflichterfüllung den richtigen Ton, wenn er sich an die fürchterlichen Gräueltaten der Nazis erinnert. Das Publikum glaubt ihm jedes Wort und es wird beklemmend still im Saal, als er seine Eindrücke aus dem KZ schildert.
Dagegen wirkt der alt-ehrwürdige Dirigent kalt und arrogant, und es scheint eher Opportunismus, denn wahre Liebe zur Musik gewesen zu sein, die den Mann in Deutschland bleiben ließ. Christian Tenbrock verleiht dem erfolgreichen Maestro eine Selbstgefälligkeit, die sich gegen Ende ein wenig lockert, aber so ganz mag man die vorgetragene Läuterung nicht glauben, was den Eindruck des opportunen Mitläufers noch verstärkt.
Doch auch die Liebe kommt nicht zu kurz: die beiden jungen Mitarbeitenden in dem Befragungszimmer, der Verbindungsmann und die Sekretärin, finden in der Liebe zur Musik trotz
aller Differenzen in ihrem Leben und in der Vergangenheit auch die Liebe zueinander, glaubhaft zart und unschuldig gespielt von Niels Olsen und Angie Hartmann.
Noch zu erwähnen bleiben die Wegbegleiter des Dirigenten, der Geiger Helmuth Rode, sehr engagiert und variantenreich gespielt von Kambis Nassiri, und Tamara Sachs, deren Mann von Herrn Furtwängler vor den Nazis gerettet wurde und die sich bemüht, alle von der Gutherzigkeit des Maestros zu überzeugen, indem sie Beweise dafür in Form von Briefen sammelt, überzeugend dargestellt von Petra Schwarz.

Am Ende gibt es weder Schuldspruch noch Freispruch, es gibt keine klare Antwort auf die Frage „Was hätte ich denn tun sollen?“, es gibt drei Menschen, die sich Augen, Mund und Ohren zuhalten, ein Paar im Sonnenuntergang und den Dirigenten. Das Publikum bleibt sitzen, nachdenklich, betroffen, überwältigt von einem Theaterabend, der ihnen unter die Haut gegangen ist. Und mir ist wieder klar geworden, dass wir niemals schweigen dürfen. Die Zeitzeugen sterben aus, die oben erwähnte 96-Jährige wird die letzte auf der Anklagebank sein, aber das Unrecht wird niemals ungeschehen gemacht werden. Nur wenn wir es nicht vergessen, uns erinnern und darüber reden, ohne uns über die Menschen zu stellen, denen die Vergangenheit widerfahren ist, können wir vielleicht verhindern, dass so etwas noch einmal geschieht.

Vielen Dank an das tolle Team, das diesen Abend gestaltet hat: Danke an die Regie von Sabine Körner, deren tiefe Vorbereitung man dem Stück an so vielen Stellen angemerkt hat, an den Regieassistenten Matthias Vollmer, der auch noch die Inspizienz übernommen hat, an die Erbauer des wundervollen Bühnenbildes mit der Liebe zum Detail (wie dem kleinen Wägelchen zu Beginn, dem Dirigentenstand am Ende und vielem mehr), an die technik-versierten Thomasse, die mit Ton, Bild und Licht das Ganze abgerundet haben, und an alle anderen Mitwirkenden, die nicht auf der Bühne zu sehen waren, aber für das Gelingen der Vorstellung gesorgt haben. Es war ein ergreifender Abend und ich freue mich, dass die Pandemie zwar Umstände gemacht hat, aber niemals das Theaterschaffen verhindern kann. (Michaela Cibula-Wagner)

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